Traumschule

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traumschule.org

Noch vor wenigen Jahren war das Gelände in der Altmark nahe Salzwedel verlassen. Eine alte Grenzerkaserne stand als ein grauer Klotz in der Landschaft herum, ein sehr schönes DDR-Bahnhofsgebäude stand leer und moderte langsam vor sich hin. Zwar ist die Kaserne immer noch ein Klotz und der Bahnhof immer noch verlassen und baufällig, aber seit dem Sommer 2003 hat sich auf dem Gelände viel getan - bunte Farbe hat dem Einheitsgrau den Kampf angesagt, die Hallen haben sich mit Werkstätten gefüllt und die Kaserne mit Leben. Zahlreiche Werkstätten sind im Aufbau begriffen, Radieschen und Kürbisse wachen und gedeihen - man findet wirklich immer etwas zu tun. Für jeden Menschen, der sich handwerklich oder sonst irgendwie praktisch betätigen will, gibt es spannende und vielfältige Möglichkeiten. Schlosserei, Schreinerei, Schmiede, Fahrradwerkstatt, Elektrowerkstatt, Nähraum, Musikzimmer, ein Infoladen in einem ehemaligen Linienbus und vieles mehr warten auf Ausbau und Nutzung. Etliche Fahrzeuge, teils noch aus DDR-Zeiten, sowie Anhänger und Bauwägen finden sich auf dem Gelände und brauchen Wartung, oder auch eine Komplettinstandsetzung. Und bei alledem lässt sich praktisch „ganz nebenbei“ eine riesige Menge lernen - sei es nun Feinmechanik, Fahrradreparatur, oder auch nur wie man einen Holzofen anmacht. Denn genau darum geht es in dem als Traumschule gegründeten TS: Aus dem Leben zu lernen, ohne Institutionen wie Schule oder Ausbildung, ohne Autoritäten und starre Regelwerke. Gleichberechtigt über alle Altersstufen hinweg. So heißt es in einer Beschreibung: „Wir möchten einen Ort schaffen in dessem Umfeld sich jedermensch gleichberechtigt, selbstverantwortlich und frei entfalten kann.“ Das ist der Anspruch - wie nahe er der Realität kommt, sollte jeder selbst herausfinden, aber auch selber aktiv an der Umsetzung mitwirken. Denn es gibt - natürlich - auch Probleme in dem TS. Da hier ein Stückweit versucht wird, das „richtige Leben im Falschen“ zu leben, kommt es immer wieder zu Problemen auf der sozialen Ebene; schließlich wurden wir (fast) alle in einer Gesellschaft sozialisiert, welche auf ganz anderen Werten aufbaut als auf Gleichberechtigung, Freiheit und Selbstorganisation - nämlich auf Konkurrenz, Leistungszwang auf der einen und Konsum auf der anderen Seite. Aber auch der konstruktive Umgang mit Problemen und Schwierigkeiten fällt vielen schwer, und so haben auch schon Menschen das Projekt wieder frustriert verlassen. Solche Probleme gibt es leider in vielen politischen Projekten, und wenn sie weniger stark wären, hätten diese Projekte ein erheblich größeres Potential gesellschaftlicher Veränderung. Doch da sie eine ständige Reibungsfläche mit der jetzigen Gesellschaft bilden, sollte sich niemand davon bereits im Vorfeld abhalten lassen, solche Orte zu besuchen - denn hier geht es ja gerade darum, andere Rahmenbedingungen zu schaffen und für eine bessere Welt zu kämpfen. Mittlerweile taucht der Begriff „Traumschule“ gar nicht mehr auf, in den aktuellen Selbstdarstellungen ist immer von „das TS“ die Rede. Dieser Begriffswandel spiegelt den Bedeutungswandel wieder, weg von der Zentrierung auf Gleichberechtigung über alle Altersstufen hinweg, hin zu einem breiter gefächerten Ansatz. Denn jetzt werden in der TS zudem verschiedenste Aktionen geplant, als auch viele Strukturen zur Verfügung gestellt, beispielsweise kam eine Menge Werkzeug auf dem Klimacamp in Hamburg aus der TS. Auch der Anti-Atom-Wiederstand wäre ohne das TS wohl um ein Camp ärmer. Das TS ist außerdem eine Art Projekt-Plattform, das heißt, hier kann für andere Projekte die Infrastruktur organisiert und geschaffen werden. Abgesehen von der Wissensaneignung und des Übens handwerklicher und praktischer Fähigkeiten bietet die TS auch auf einer anderen Ebene Potenzial: Leben ohne Geld ist hier besser möglich als an zahlreichen anderen Orten, da es eine ohne Geld funktionierende Versorgung z.B. an Lebensmitteln gibt - natürlich lebt diese Struktur vom Mitmachen. Für mich ist es immer sehr beruhigend zu wissen, dass es Orte gibt, an denen ich auch ohne Geld leben kann, denn dadurch muss ich nicht um mein Überleben oder meine Würde fürchten, wenn ich mich für ein Leben ohne Geld entschließe. In dem TS gibt es momentan keine Privaträume und -strukturen, und obwohl niemand es direkt verbietet, würde es doch ein hohes Konfliktpotential bedeuten, solche einzuführen. Auf der einen Seite verhindert dies ein Ungleichgewicht und Einschränkungen anderer Menschen im Projekt, auf der anderen Seite ist dadurch das TS auf Dauer nicht geeignet für Menschen, die das Bedürfnis nach einem privaten Rückzugs- und/oder Wohnort haben, und sei es auch nur seinen Bauwagen auf das geräumige Gelände zu stellen und darin zu leben. Nomaden finden in dem TS übrigens gute Vorraussetzungen; es gibt viele Beschriftungen, Erklärungen und Anleitungen auf Zetteln, ebenso wie Zu-Erledigen- und Zu-Besorgen-Listen. Außerdem kommt man als Nomade gut in die Organisationsabläufe rein, wie zum Beispiel mit anderen zu Containern, da die gesamte Struktur des TS auf Offenheit und Mitmachen ausgelegt ist. Es gibt, wie oben erwähnt, auch keine Privaträume, was es sehr erleichtert, sich innerhalb kurzer Zeit nicht mehr als Gast zu fühlen und zu verhalten, sondern eine gleichberechtigte Ebene zu erreichen - denn es macht ja normalerweise gerade einen Gast aus, dass er keinen eigenen Raum hat. Hier hat niemand einen Privatraum, so dass dieses Ungleichgewicht nicht besteht. Zudem hat sich das TS bereits mit dem Nomadentum beschäftigt und ist für diese Art des Lebens sehr offen. Aber auch insgesamt zeichnet sich das TS durch die Offenheit gegenüber spontanen, unangekündigten Besuchen aus - ein Zustand, der leider viel zu selten zu finden ist. Das Lebensniveau in Bezug auf Komfort ist im TS ausgesprochen niedrig - was teilweise an der schlechten baulichen Substanz liegt, teilweise aber auch einfach daran, dass bislang nur vergleichsweise wenig Energie in diesen Bereich des noch recht jungen Projektes gesteckt wurde. So muss man sich zum Beispiel das Wasser zum Baden (eine feste Dusche gibt es (noch) nicht) erst auf einem Ofen mittels Holzfeuer warm machen; mit solchen Öfen wird auch geheizt und alles weitere Warmwasser erzeugt. Aber andererseits - es gibt Strom, Lampen in praktisch jedem Raum, fließend Wasser, Telefon und eine DSL-Flatrate. Verglichen mit einem Leben in der Natur zum Beispiel, ist das schon viel Komfort. Außerdem gewöhnt ein Mensch sich an alles. Im Winter allerdings sollte man sich wirklich warm einpacken, denn kaum ein Raum fühlt sich wesentlich wärmer an als draußen - außer man schafft & werkelt kräftig im Freien, denn dann erscheinen einem die vielleicht 16 C° in der Küche plötzlich wie eine Sauna. Hingegen, nach zwei Stunden am Computer helfen selbst die vier dicken Wollpullis nicht mehr... In der TS ist das Niveau allgemeiner Ordnung, vorsichtig ausgedrückt, überaus niedrig - genau genommen könnten die wenigsten WG's mit dem TS aufnehmen. Aber auch das ist nicht in Stein gemeißelt, und in der Vergangenheit hat sich hier auch schon etwas getan. Abschließend möchte ich noch sagen: es wäre wirklich schön, wenn es noch viel mehr und ähnliche Projekte wie dieses geben würde - denn sie bringen uns unseren Träumen von einer anderen Welt ganz praktisch näher!

                  - Thomeg Atherion-

• post: Traumschule, Dorfstr.78a, 29416 Riebau • fon: 039037-958993 (lange klingeln lassen. es ist meistens wer da, das Gelände ist groß und wenn mensch Musik hört hilft auch die laute Außenklingel nix) • mail: traumschule (at) gmx.de Wie hinkommen • Zug • näxter Bahnhof: Pretzier/Altmark (noch 3km bis Riebau, vom Bahnhof aus von Pretzier weg in die Pampa laufen oda vorher anrufen, daß wer mit Fahrrädern vorbeikommt. • Per Anhalter • dauert, da wir in Täuschlands größtem Autobahnloch wohnen.