06 nkl - nicht kommerzielle Landwirtschaft

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nkl - nicht kommerzielle Landwirtschaft, der Karlshof


Der Karlshof bei Berlin produziert seit 2005 ohne die Produkte des Hofes zu verkaufen oder zu tauschen. Begonnen wurde zunächst mit dem Anbau von Kartoffeln, produziert wird nach dem Bedürfnissen der Menschen im Umfeld des Karlshofes, unabhängig davon wie viel die einzelnen zu den notwendigen Arbeiten beitragen.
Wir stellen den Erfahrungsbericht von Lokomotive Karlshof vor, über Praxis, Chancen und Widersprüche nicht-kommerzieller Landwirtschaft in einer kapitalistischen Metropole.
Die Idee
„Als Lokomotive Karlshof [haben wir] im Sommer 2005 die Projektidee der NKL ent­wickelt“. (S.5)
„Nichtkommerzielle Landwirtschaft (kurz: NKL) heißt, dass produziert, aber nicht verkauft wird. Im Hausgarten können wir uns das noch gut vorstellen, aber bei einer Produktion in einem größeren Zusammenhang verliert dieses Herangehen nach Alltagslogik schnell sei­nen Sinn - und da haben wir das Hochpolitische an der kleinen Kartoffel. Es geht um die Entwicklung anderer, den kapitalistischen Alltagsverstand durchbrechender Praxen der Produktion und des Verbrauchs.
Wir, die wir unsere Energie in die NKL stecken, tun dies aus verschiedensten Motiva­tionen heraus, aber gemeinsam ist uns der Wunsch, eine Kritik des weltumspannenden warenproduzierenden Systems, dessen Absurdität und Zerstörungskraft uns immer deut­licher vor Augen tritt, bewusst und öffentlich zu machen, und gleichzeitig uns auf den Weg zu begeben zu unseren Utopien. Denn wir glauben, nur wenn wir Utopien wünschen und zu entwickeln suchen, können sie überhaupt zu Möglichkeiten werden. Zentrale Momente dieser Utopie sind die Autonomie und die Selbstbestimmung, unser Ziel ist der gemein­same Prozess und die selbst gestaltete, direkte Bedürfnisbefriedigung.“ (S.3)
Die Theorie
„In Anlehnung an wertkritische Argumentationen kamen wir zu der Überzeugung, dass die Verwertungsorientierung der Produktion das Grundproblem im Kapitalismus darstellt. Auf einen stark verkürzten Nenner gebracht bedeutet das, dass das Grundmotiv für die Waren­produktion im Kapitalismus nicht auf die Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet ist .., sondern auf ein Verwertungsinteresse. Das bedeutet, dass sich eingesetztes Kapital durch Produktion und Verkauf von Waren in noch mehr Kapital verwandeln, also einen Profit abwerfen soll.
Dass (mehr oder weniger) nützliche Dinge produziert werden, mit denen (essentielle oder auch künstlich erzeugte) Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden können, ist dabei nur ein begleitender Effekt, nicht aber Zweck der Produktion. Diesem Zwang zur Verwertung können im Kapitalismus weder die KapitalistInnen, die Produktionsmittel besitzen und den Profit abschöpfen, noch die ArbeiterInnen, denen nichts anderes übrig bleibt, als ihre Arbeitskraft zu verwerten, entkommen.
... Eine Überwindung dieses Zwangsverhältnisses ist prinzipiell nur möglich, wenn die Menschheit unter anderem zu einer gänzlich anderen Produktionsweise findet.“ (S.4)
Die Praxis der Kartoffelproduktion
„Wir beschlossen mit Kartoffeln anzufangen, weil diese sich mit relativ geringem Maschi­nenaufwand anbauen ließen, zur Ernte die Teilnahme von vielen Menschen möglich ist, sie gut lagerfähig sind und als Grundnahrungsmittel von allen benötigt werden. Im Frühjahr 2006 schickten wir unseren 'Aufruf zur Selbstorganisierung' an ca. 150-200 Menschen, darunter Hausprojekte, Landprojekte, WGs und politische Gruppen, um den Bedarf an Kartoffeln zu erfassen, die wir produzieren wollten.“ (S.5) „Nach den postiven Erfahrungen mit den Berliner Kartoffelcafés im Winter und der langsam wachsenden Einbindung in ein sich bildendes Netzwerk stieg der erfasste Bedarf ... weiter an.“ (S.5)
Die Leute vom Karlshof setzen nicht auf Handarbeit, sondern setzen zunehmend Maschinen ein, so dass die Erträge und die Qualität der Produkte stiegen.
„Die eine Ebene ist die konkrete Verteilung. Wenn wir gesellschaftlich relevant werden wollen, bedeutet das letztendlich nichtkommer­zielle Ernährungssicherungssysteme aufzubauen. Das heißt die nichtkommerzielle Versorgung muss genauso effektiv und sicher sein wie die markt­förmige. Das ist eine große Aufgabe. Und es wird mindestens ein genauso großes Experiment sein wie die nichtkommerzielle Produktion selbst. .. Die andere Ebene ist die kommunikati­ve und soziale.“ (S.14)
Mehr als nur Kartoffeln
„Aus landwirtschaftlicher Sicht ist es nicht möglich eine Fruchtart in für sich anzubauen. Landwirtschaft ist die produktive Gestaltung eines komplexen ökologischen Systems durch Bodenbearbeitung, Fruchtfolge und andere Maßnahmen, die sich ergänzen und beeinflussen. Angesichts unserer Möglichkeiten und der Tatsache, dass uns Ackerflächen frei zur selbstbestimmten Verfügung übergeben worden sind, besteht für uns dabei auch so was wie eine gesellschaftliche Verantwortung zur Bodennutzung - vor allem wenn wir uns die globale Situation bewusst machen, die ökologischen und sozialen Konflikte in der Frage um Zugang und Nutzung von Land. ...
Durch langjährige Freundschaft und Kooperation mit dem Hof Ulenkrug und dem Longo mai Netzwerk haben wir 2006 eine komplette Anlage zur Gewinnung von Pflanzenöl be­kommen. Die Idee damit Sonnenblumenöl zu produzieren begeistert uns seitdem, und Schritt für Schritt nähern wir uns dem. Mittlerweile sind die meisten Maschinen und die Presse durchgesehen und die Aufstellung muss wahrscheinlich nicht mehr lange warten. Mit dem Sonnenblumenanbau haben wir bereits seit zwei Jahren experimentiert und jeweils ca. einen Hektar angebaut. Im praktischen Anbau funktionierte das auch weitgehend, jedoch mussten wir feststellen, dass die Sonnenblumen hier nicht lagerfähig ausreifen. Deshalb bauten wir in diesem Frühjahr mit sieben Menschen eine Hängertrocknung. Ihre Praxisprobe hat sie nun auch schon erfüllt ...
Eine andere Idee, die sich im Netzwerk entwickelt hat, ist die Produktion von Getreide und Mehl. Es gab Interesse an einer Brotbackgruppe, die wöchentlich in Berlin Brot bäckt und für die weitere Verteilung nichtkommerziell zur Verfügung stellt. Aus dem Mehl ließen sich mit den entsprechenden technischen Anschaffungen auch Nudeln als weiteres lagerfähiges Grundnahrungsmittel produzieren. Einige Experimente mit Getreide stellten wir schon an. Wir bauten Gerste mit Erbse in Mischkultur als Futter für unsere Schweine an. Die Erbsen können dann ebenfalls als Trockenspeiseerbsen genutzt werden. Auch mit Wickroggen als Gemenge von Wicke und Roggen experimentierten wir. Der Roggen kann als Brotgetreide genutzt werden oder beides zusammen als Gründüngung für den Bodenaufbau, als Grün­futter oder als Heu. Seit zwei Jahren vermehren wir außerdem Hirse, und in diesem Jahr nutzten wir eine kleine Fläche um Buchweizen zu produzieren. Dieser kann für Mehl oder gekocht gebraucht werden. Eine Pflanze faszinierte uns ganz besonders - Topinambur! Der kann mit der gleichen Technik wie Kartoffeln angebaut werden, hat aber im Vergleich dazu einen unglaublichen Ertrag. Allerdings liegt die Ernte im Winter, ist also sehr wetterab­hängig; und er ist nicht so gut lagerfähig .. (S. 7)
Finanzen – Der Widerspruch nichtkommerzieller Produktion im Kapitalismus
„Das ist ja ein Widerspruch in sich: nichtkommerziell heißt doch gerade - wir wirtschaften ohne Markt, ohne Warenaustausch, produzieren und konsumieren nach unseren Bedürf­nissen. Was soll da die Frage nach Finanzen?? Immerhin sind das die Fragen, die von den Allermeisten zuerst gestellt werden, wenn wir NKL vorstellen: Wovon lebt ihr denn? Wie soll das denn gehen?“ (S. 12)
„Im }ahre 2005 konnten die Gründungsmitglieder der 'Lokomotive Karlshof' den Karlshof bei Templin von der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PaG) übernehmen, um mit dem Experiment einer nichtkommerziellen Landwirtschaft in die Praxis zu starten.
Mit Zustimmung der PAG war die Möglichkeit entstanden, mit Landwirtschaft auch ohne den Zwang zu Verwertung und Rentabilität praktisch experimentieren zu können.“ (S.4)
„Ein zentraler Bezugspunkt in unserem Selbstverständnis und unserem Alltag ist die Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit, ein Netzwerk von Projektgruppen und Einzelper­sonen, das die Entwicklung solidarischer Lebens- und Arbeitsprojekte fördert. Es besteht eine intensive Zusammenarbeit der beteiligten Projekte und eine Basis gegenseitiger Unterstützung im Alltag. Aktuell gibt es neben dem Karlshof zwei weitere Gruppen in Strausberg und Biesenthal sowie eine Gruppe in Leipzig im Annäherungsprozess.“ (S. 8)
„Aber es gibt auch für eine nichtkommerzielle Produktion Notwendigkeiten, die Geld er­fordern. Abstrakt ausgedrückt müssen auch wir, da wir in einer kapitalistisch organisierten Welt leben, vorläufig die Überschüsse vergangener Wertproduktion vernutzen, um eine andere Produktionsweise experimentell überhaupt erst entwickeln zu können.
Woher dafür das Geld nehmen, wenn wir weder unsere Produkte noch unsere Arbeitskraft verkaufen wollen? Das Projekt ist nur durch eine solidarische Finanzierung realisierbar. Als Teil eines kollektiven Selbstorganisierungsprö-zesses wird also auch die Beschaffung der für die NKL notwendigen Geldmittel zu einer Aufgabe unter vielen. Das klingt erstmal sehr allgemein und viele sind skeptisch, wenn wir meinen, ein solches Projekt ließe sich so 'finanzieren'.“ (S. 12)
„Nachdem wir ... sogar von einigen Menschen 5000,- Euro zur Verfügung gestellt be­kamen, konnten wir mit unserem Experiment beginnen. ... Für 2007 und 2008 waren auch wieder jeweils 5000,- Euro zugesagt.“ (S. 5) „Eine andere [Notwendigkeit] ist, dass VIELE ihre Arbeitskraft und Energie einbringen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ob bei Ernte, Transport, Verteilung der Kartoffeln oder anderen Aufgaben. Das ist die Grundlage jeder „Finanzierung". Bereits jetzt zeigt sich, dass die Selbstorganisierung mit anderen auch ermöglicht, vieles Notwendige und Ange­nehme mit weniger oder ganz ohne Geld zu schaffen. Wir formulieren mit unserem Experi­ment letztendlich auch die Hoffnung, dass weitere Produktions- und Dienstleistungsbe­reiche in einem Netzwerk sich verknüpfen und somit ein zunehmend größerer Teil unseres Bedarfs aus einer nichtkommerziellen Wirtschaftsweise gedeckt werden kann.“ (S. 12) „Auch ein Teil der Lebenshaltungskosten der Menschen auf dem Karlshof wird von einer im Moment noch kleinen aber stetig wachsenden Anzahl von KleinspenderInnen in Form von Patenschaften mitgetragen. So beginnen viele Menschen sich als Teil dieses Experi­ments zu fühlen, ob sie nun Geld dazu tun oder nicht, und sich nicht als KäuferIn, mildtätige SpenderIn oder unberechtigte Kartoffelaufesserln zu sehen.
Dennoch bleibt die Sicht eingeschränkt, wenn wir nur das kleine 'Kartoffel-Experiment' anschauen. Da bleibt die Finanzierung für eine auch ökologisch notwendige Ausweitung der Produktionspalette und die dafür benötigten Geräte und Maschinen außen vor, da wird der Zustand der Gebäude nicht beachtet, und auch die Lebenshaltungskosten der Menschen vom Karlshof sind noch lange nicht sicher getragen. Denken wir das alles mit, entstehen natürlich ganz andere Größenordnungen von Kosten. Schritt für Schritt wollen wir auch diese Herausforderungen angehen und im NKL-Rahmen finanzieren.“ (S. 12)
Das Netzwerk und die 'KonsumentInnen'
„Die ersten Kartoffelcafes fanden monatlich seit Herbst 2007 im [NewYorck, im besetzten] Bethanien statt. Ja, was aber ist ein Kartoffelcafe? Ein Kartoffelcafe ist ein offener Raum, in dem Kartoffeln abgeholt werden, aber nicht nur: über die NKL diskutieren, Pläne für NKL-Soliparties schmieden, sich treffen und mit Kaffee, Tee. und (selbstgemachtem und -gebrachtem) Kuchen „einfach" plaudern, über Organisationsstrukturen nachdenken, sich über die Neuigkeiten auf dem Hof informieren - daraus wird, was wir damit machen wollen. Sie finden weiterhin statt: Am ersten Sonntag im Monat kommen einige Karlshoferlnnen, InteressentInnen, NKLerlnnen, auch Menschen (!) zusammen. Der Treffpunkt wechselt im­mer wieder unter befreundeten Projekten in Berlin. Themen und Ideen sind so unter­schiedlich wie die Menschen, die sich hier treffen. Einige beziehen ihre Motivation ganz stark aus der Unterstützung des Projekts Lokomotive Karlshof, fahren oft dorthin, entwi­ckeln engere Freundschaften und spielen wohl auch mit dem Gedanken, dort oder in ähnlichen Projekten fester zu leben. Andere finden die „Idee NKL" attraktiv und finden hier einen Platz, um intensivere Diskussionen zu führen. Wieder andere haben besonderes Interesse an der Verbreitung der Idee in der Stadt, bei den 'KonsumentInnen', und sehen hier eine Möglichkeit, um die extreme Trennung von städtischem Konsum und ländlicher Produktion aufzuheben.
Parallel dazu wird versucht, die Verteilung zu dezentralisieren, also kleinere Lager- und Verteilerstellen zu finden, um Transportwege weiter zu verkürzen.“ (S.10)
„Und es war auch spannend zu merken, wie die Nichtkommerzialität an sich keine Selbstverständlichkeit darstellt. Wird das Geld als Wert des Produkts entzogen, bleibt oft eine gewisse Unsicherheit: Solidarität zu praktizieren impliziert oft einen gewissen Zeit­aufwand, und Zeit ist oft Mangelware, besonders für Leute, die schon in einem Projekt involviert sind. Oft genug können sich „Stadtmenschen" gar nicht vorstellen, was sie für das Projekt überhaupt machen könnten. Einigen Leuten war es gar nicht klar, dass die NKL auf die Solidarität und Verbindlichkeit der Abnehmerinnen angewiesen ist: kein aktives Netzwerk = keine Kartoffeln, langfristig auch keine Landwirtschaft...
Besonders interessant war zudem die Entscheidung eines befreundeten Landprojekts, dieses Jahr keine Kartoffein zu bestellen: Da sie ihre Kartoffeln Containern oder stoppeln können, haben sie eigentlich keinen Bedarf. Dabei wird klar: Kartoffeln sind ein Mittel der NKL und nicht ihr Existenzgrund: Beziehungen, Zusammenarbeit und Solidarität können sich unabhängig davon entwickeln. Und NKL sollte uns tatsächlich dazu bringen, tiefer über unsere reellen Bedürfnisse nachzudenken, und nicht ein Anlass zu alternativem Konsum sein...“ (S. 11)
„Ein wichtiger Aspekt der bisherigen NKL ist die Infragestellung verinnerlichter und scheinbar natürlicher Verhältnisse durch die unentgeltliche Abgabe von Nahrungsmitteln. Die gesellschaftliche Organisierung entlang von Wertverhältnissen wird dadurch in ihrer Absurdität denunziert. Es entsteht aber auch der Raum, diese Verhältnisse entlang von (Re-)Produktionsverhältnissen und den dahinter stehenden sozialen Beziehungen neu zu entwickeln und selbst zu gestalten. Den Produkten und Lebens-(notwendigen)-mitteln könnte dabei die Aufgabe zufallen, genau diese Verhältnisse transparent zu machen und zu vermitteln. Die Produkte als Kommunikationsmedium für gesellschaftliche Verhältnisse also. Und diese werden dadurch reflektierbar und kritisierbar.“ (S.14)

aus: NKL – Ein Erfahrungsbericht – die ersten 3 Jahre, Dez. 2008

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