Anders Leben/Material/Warum anders leben

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Ich will leben! Nur nicht so. Wege aus einem fremdbestimmten Dasein

Wir leben in einem System, das uns Freiheiten vorgaukelt, wo keine sind. Wir haben die Wahl zwischen Aldi und Lidl, Nestlé und Maggi, Nike und Adidas... aber haben wir wirklich die Möglichkeit, frei über unser Leben zu bestimmen?

Im Kindergarten werden wir auf die Schule vorbereitet. In der Schule beginnt die soziale Selektion. Ob das Kind auf ein Gymnasium, eine Real- oder Hauptschule geht, bestimmt das ganze Leben des noch kleinen Menschen. Die Optionen schrumpfen bzw. sind sogar bei der Geburt schon geschrumpft, denn ein Kind aus einer Arbeiterfamilie hat nicht dieselben Chancen auf ein Gymnasium zu kommen, wie ein Kind aus einer Familie von Akademikern, selbst wenn es die gleichen Leistungen erbringt. Egal welchen Weg Mensch einschlägt, er hat doch den Zwang, soviel als möglich zu leisten, wenn er sich auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich verkaufen will. Gute Noten in der Schule, eine Sprache (die „im Kommen“ ist) zu lernen, ein Studium welches gefragt ist oder eine Ausbildung die Jobchancen bietet.

In der Freizeit sollte man Gruppensport betreiben bzw. betrieben haben, das zeigt auf dem Lebenslauf angeblich die eigene Teamfähigkeit. Ehrenamtliches Engagement und Praktika kommen auch immer gut an. Wenn dann noch Zeit bleibt, sollte man sie möglichst allein verbringen, denn soziale Bindungen, es sei denn sie nutzen dem beruflichen Aufstieg, hemmen nur die eigene Flexibilität.

Wie oft man am See saß und die Füße baumeln ließ oder im Regen tanzte, interessiert im Lebenslauf nicht. Es interessiert nur, welche Bausteine der Mensch aus dem vorgegebenen Baukasten „ganz individuell“ ausgewählt hat, um sich beim Bewerbungsgespräch ins rechte Licht zu rücken. Ist das eine Wahl?

Wer Arbeit hat, macht meist Überstunden, sieht seine Familie nur am Wochenende und lässt sich vom Chef vorschreiben, wie er sich zu kleiden hat, welche Gefühle er haben oder vortäuschen soll (Stewardessen lächeln, Inkassomitarbeiter wirken ernst bis aggressiv - siehe: Hochschild, 2006), wie er sich den Tag einteilt und was er wie tut. Oder er weiß das alles gar selbst, muss es sich nicht sagen lassen, sondern hat es längst verinnerlicht. Selbstausbeutung statt Sklavenhaltung. Entweder das, oder man ist arbeitslos, gehört nicht dazu, fühlt sich schlecht. Wer sich ohne Arbeit nicht schlecht fühlt, gilt als faul oder asozial.


Doch, wir haben eine Wahl! Ein paar Menschen machen sich Gedanken über Selbstverwirklichung und ein selbstbestimmtes Leben. Auf der Website http://www.autoorganisation.org sind Ideen dazu aufgelistet und können um weitere ergänzt werden. Wer dem System entkommen will, ohne auf einen fernen Planeten auszuwandern, muss vor allem Wege finden, um mit möglichst wenig Geld in dieser Gesellschaft zu überleben. Solche Wege gibt es tatsächlich, bisher noch in Form kleiner Trampelpfade, die sich durch rege Benutzung aber verbreitern lassen.

Auf Wagenplätzen und in Hausprojekten wohnen viele Menschen zusammen und teilen sich die Kosten für Strom, Wasser und Miete bzw. die Pacht des Grundstücks. Auf manchen ökologischen Bauernhöfen kann man seine Hilfe gegen Kost und Logis anbieten (Adressen unter http://www.wwoof.de). Billiger Reisen kann man durch Trampen oder das Teilen von Mitfahrerrabatten (http://www.fahrkartenpartner.de). Auch Dienstleistungen können ohne Geld ausgetauscht werden. Auf der Website der Nachbarschaftshelfer (https://www.exchange-me.de) kann man kleine Hilfen im Haushalt, Babysitting und Reparaturen in Anspruch nehmen und anbieten.

Eine der Möglichkeiten für geldlosen Warenaustausch, ist das Exsila (http://www.exsila.de), eine Tauschbörse für Bücher, Filme, Musik und Computerspiele im Internet. Das System ist ganz einfach: Man stellt beispielsweise ein paar eigene Bücher zur Verfügung, die man auf Anfrage an Interessenten verschickt und bekommt dafür Exsila-Punkte gutgeschrieben. Mit diesen Exsila-Punkten kann man sich dann kostenlos Bücher von anderen Exsilaner bestellen. Eine gute Möglichkeit, um gelesene Bücher loszuwerden und neue zu bekommen, ohne Rechnungen und Papierverschwendung.

Auf http://www.autoorganisation.org findet man noch viele weitere Möglichkeiten, ökonomische Zwänge zu umgehen und ein etwas anderes Leben zu führen. Anders zu denken und zu leben hat hohe Kosten, weil man leicht missverstanden oder bewusst ausgegrenzt wird. Aber man sollte sich seiner Optionen bewusst werden, um eine gute Wahl zu treffen, durch die man ein zufriedenes Leben führen kann. Wir haben doch nur das eine.


Verweise

Arlie Russell Hochschild; Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle; Campus Verlag; 2. Aufl. August 2006; ISBN: 3593380129