Systemfehler/2009: Text für die Contraste

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Der Schenkladen in Berlin – Rückblick und Ausblick

Projektbeginn

Der Systemfehler wurde im Juni 2007 eröffnet. Ermöglicht wurde das durch die Förderung des Programms “Jugend in Aktion”, das dem Schenkladen bis Ende 2008 das Zahlen eines Großteils der anfallenden Kosten ermöglichte. Die Idee war von Beginn an, kein temporäres Projekt zu werden. Daher haben wir unseren Nutzer/innen von Beginn an auf Flyern und Stelltafeln mitvermittelt, dass wir Paten und Patinnen suchen, die uns monatlich 1-2 Euro mit Dauerauftrag oder Einzugsermächtigung spenden. Dieses Konzept ging sehr gut auf. Bis Ende 2008 hatten wir ca. 120 Leute gefunden, die uns zwischen 1 und 25 Euro pro Monat spenden. Die Paten sind ca. zur Hälfte Ladennutzer/innen und zur anderen Hälfte Menschen aus unserem persönlichen Umfeld (Freunde, Verwandte, Bekannte), die sich ideel mit dem Projekt identifizieren können und es daher unterstützen wollen. Die Ladennutzung war immer streng getrennt vom Spenden. Unser Spendenkonzept war daher nie sehr offensiv.

Am Anfang stand bei uns eine sehr ausführliche Namensdiskussion, an deren Ende das Projekt den Namen “Systemfehler, Schenkladen Friedrichshain” erhielt. Wir haben uns bewusst gegen den “Umsonstladen” entschieden, weil uns das Wort “umsonst” als relativ diskreditiert erschien und uns die Idee des Schenkens sympathischer erschien.

Zur Projektgründung verbanden wir mit dem Konzept Schenkladen die Möglichkeit, Leute außerhalb der klassischen Szene zu erreichen. Eins der Ziele war es, Nutzer/innen mit Ideen wie Konsumkritik, Arbeitskritik und Gesellschaftskritik in Berührung zu bringen, d.h. nicht nur durch das Auslegen von Flyern zu wirken, sondern durch ein ansprechend gestaltetes Konzept Hintergründe zu vermitteln. Das rückte jedoch in den folgenden zwei Jahren auf Grund anderer Prioritätensetzung eher in den Hintergrund.

Der Laden als soziokulturelle Plattform

Der Laden entwickelte sich vom reinen Schenkladen hinzu einer Projektfläche, die für unterschiedlichste Dinge genutzt wurde: Improtheater, Lesungen, einer Ausstellung mit dem Thema „Soziale Plastik“, eine Modenschau mit Kleidung aus dem Laden, zwei Sprachkursen, einer Schreibwerkstatt, einem Kurzfilm über Konsum, Veranstaltungen zu solidarischer Ökonomie u.v.m. Aufgrund der konkreten Interessenslage unseres Kollektivs entstand eine soziokulturelle Plattform, in der Aktive und Interessierte ihre Ideen umsetzen können.

Einige von uns entwickelten dabei den Begriff der Selbstbefähigung. Selbstbefähigung bedeutet für uns, seine Umgebung und damit einen kleinen Teil Gesellschaft so zu gestalten, wie man sie sich wünscht. Wir begreifen Gesellschaft als etwas Formbares, das von jedem und jeder mitgestaltet werden kann. Der Schenkladen ist ein Beispiel für ein umgesetztes Projekt der gegenseitigen Selbsthilfe, das unser eigenes Leben bereichert. Frei nach dem Motto “Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt”.

Gegenseitige Unterstützung im Alltag

Nicht umgesetzt haben wir die anfängliche Idee der Solidargemeinschaften (Nutzungsgemeinschaften). Grundgedanke war es, eine verbindliche Gruppe von Leuten aufzubauen, die versucht sich im Alltag durch gegenseitige Hilfe zu unterstützen. Zum einen durch das Äußern eigener Bedürfnisse als auch durch das Teilen von (Spezial-)Wissen, Infrastruktur, Gegenständen und Erfahrungen, die im Netzwerk vorhanden sind. Obwohl einzelne von uns dazu gearbeitet haben, war das Interesse weder im Laden, noch im Umfeld groß genug dafür. Die Alltagsrelevanz für ein solches Unterfangen war zu klein, obwohl die Idee auf theoretischer Ebene häufig begrüßt wurde. Trotzalledem versuchen einige von uns, in ihrer Praxis weiterzugehen. Seit ca. 1 Jahr gibts eine aus mehreren Menschen bestehende Finanzkooperative, in der die Beteiligten eine gemeinsame Ökonomie haben.

Struktur und Details zum Schenkladen

Unser Ladenkollektiv besteht aus ca. 12 Leuten, von denen gerade sieben regelmäßig Schichten machen. Mitmachen kann, wer sich mit uns wohlfühlt und umgekehrt. Das Ladenkollektiv ist dabei nicht homogen. Es gibt einige, denen ein theoretischer anti-kapitalistischer Anspruch wichtig ist, andere mögen einfach die Idee des Verteilens überschüssiger Gegenstände.

Geöffnet haben wir seit dem Beginn 2007 mindestens drei Mal pro Woche, drei Stunden lang. Der Laden wird von durchschnittlich ca. 30 Leuten pro Schicht genutzt. Die Nutzer/innen räumen die von ihnen mitgebrachten Gegenstände dabei selbstständig ein. Wir nennen ihnen dabei auf Nachfrage die Kriterien für die Annahme (sauber, funktionstüchtig). Unsere Aufgabe besteht dadurch nur darin, die Dinge nach der Schicht bzw. währenddessen durchzusehen, weil unterschiedliche Menschen unter “nutzbar für andere” etwas anderes als wir verstehen, so dass auch mal löchrige Sachen aussortiert werden müssen. Der Standard, an dem wir uns dabei orientieren, ist das Niveau eines Second-Hand-Ladens.

Wir haben keine 3-Teile-Regel, weil wir nicht mit einer Restriktion anfangen wollten. Dafür haben wir den 5-Teile-Wunsch. Nur wenige Nutzer/innen mussten wir bis jetzt sanktionieren, indem wir sie baten, nur noch einmal pro Woche zu kommen und dann maximal 5 Dinge mitzunehmen. Gerade der Umgang mit Dauernutzenden führte uns z.T. auch an eigene Grenzen - um mit bestimmten Menschen angemessen zu kommunzieren, sind sozialpädagogische Grundfähigkeiten notwendig. Sind diese nicht vorhanden, so wirds schwer, eigene Grenzen noch klar zu formulieren und durchzusetzen.

Nach zwei Jahren lässt sich resümieren, dass die Idee, Nutzer/innen anzuregen dazu, weitere Selbsthilfeprojekte umzusetzen, nicht in der angedachten Form aufgegangen ist. Zwar haben auch immer wieder externe Leute den Laden für eigene Veranstaltungen o.ä. genutzt; die Idee aber, das ein immer größer werdendes Netzwerk aus solidarischer Selbsthilfe entsteht, hat sich nicht erfüllt. Der Raum scheint zu sehr eingenommen zu sein durch die vordergründig erkennbare Funktion des Umverteilens von Dingen.

2009 - Schenkladen reloaded

Mehrere Aktive verfolgen für das nächste halbe Jahr daher die Idee, den Laden so umzugestalten, dass er mehr als Kommunikationsfläche genutzt werden kann. So war z.B. unser Eindruck, dass es unter den Nutzer/innen sehr viele aktive Menschen gibt. Mit diesen kommen wir zwar in Dialog, wenn wir sie konkret ansprechen, ansonsten bleiben Kooperationsmöglichkeiten aber im Dunklen. Ein Teil der uns zur Verfügung stehenden Fläche soll daher umgestaltet werden. Die Nutzer/innen sollen mehr dazu angeregt werden, selbst aktiv zu werden, indem visuell wesentlich mehr vermittelt wird, dass wir sie als aktiven Teil des Projekts wahrnehmen, Außerdem wollen wir eine Übersicht über Projekte erstellen, die den Anspruch einer konkreten verändernden Praxis haben. Beispiele sehen einige von uns im Karlshof, Finanzkooperativen, Kommunen oder der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit.

Die Nutzer/innen sollen dazu selbst Informationen hinzufügen können und auch das politische Grundverständnis, d.h. wie wir den Schenkladen im Kapitalismus herleiten, selbst kommentieren und erweitern können. Das Ziel ist es, dass die Menschen den Laden mehr als ihre Fläche empfinden und sich eingeladener fühlen, ihn selbst zu gestalten.

Der Kontakt zu anderen Initiativen, die in ähnliche Richtungen arbeiten, gestaltet sich eher schwierig. Einige von uns wünschen ihn sich vermehrt. Doch es scheint, dass lokale Aufgaben und Projekte bei vielen Initiativen, so auch bei uns dazu führen, dass man sehr auf das eigene Projekt fixiert wird und “im eigenen Saft schmort”. Allerdings gibts einen unregelmäßigen und sehr personengebundenen Austausch mit den Potsdamern sowie den anderen zwei neuen Initiativen in Berlin. Gerade siehts so aus, als hätte der Raum Berlin/Brandenburg bald fünf Umsonstläden...

Nach wie vor kommen neue Menschen, die immer wieder erstaunt sind, dass so ein Konzept funktionieren kann. Man darf dabei nicht vergessen, dass gerade da eine der Stärken des Ansatzes liegt: Leute zum Aufsehen zu bewegen. Ich sehe eine der künftigen Herausforderungen darin, die Leute bei diesem komischen und ungläubigen Gefühl abzuholen und sie mitzunehmen in die Welt der Veränderung.

Felix Scheel, März 2009 Felix Scheel, März 2009