Gedanken aus dem Umsonstladen Berlin zu Umsonstlaeden

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Gedanken aus dem Berliner Umsonstladen

Bruecken zwischen gesellschaftlichen Milieus

Umsonstlaeden sind schon sonderbare Chamaeleons der Projekteszene. Sie sind in Teilen ihrer Praxis weit abseits der kapitalistischen Normalitaeten, andererseits voll integriert und angewiesen auf die Einbindung in eben jene Verhaeltnisse. Je nachdem aus welchem Blickwinkel mensch auf einen solchen "Verschenk-Laden" schaut, stellt er sich jeweils anders dar, wie auch die einzelnen Exemplare sehr unterschiedlich ausfallen koennen.

Michael, Umsonstladen Berlin - Vom subkulturellen Alternativmilieu bis hin zum geordneten Ladenraum im Gemeindehaus der Kirchengemeinde ist alles dabei. Mancher Raum ist gesponsert, andere werden gemietet und wieder andere Raeume wurden schlichtweg angeeignet. Ein Umsonstladen kann meist zu Recht als ein milieu-uebergreifendes Projekt, wie ein Scharnier zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft, gesehen werden. Besucht wird er von Arm und "Reich", von gebildeten und weniger gebildeten Leuten sowie von Jung und Alt.

Aehnlich wie im Supermarkt treffen sich hier die verschiedensten Menschen und verhalten sich oftmals ganz anders als z.B. im Supermarkt. Es kommt zu Gespraechen, Tipps werden gegeben, Geschichten erzaehlt. Gerade die grundlegende Kritik an der Tauschlogik, die unsere Gesellschaft so sehr durchzieht, bringt so manchen Gespraechsstoff hervor. Menschen kommen ins Gespraech, die wohl auf der Strasse oder im Supermarkt niemals miteinander reden wuerden. Die Unworte "Kapitalismus" und "Ausbeutung" sind im Umsonstladen oefter zu hoeren. Mit ihrer Kritik an den Unsinnigkeiten des kapitalistischen Alltags und des Lohnarbeitssystems halten hier viele auch nicht hinterm Berg.

Vielleicht sind Umsonstlaeden auch deshalb - und nicht nur wegen ihres praktischen Charakters - so beliebt. Viele Umsonstladen-OrganisatorInnen haben das im Laufe ihrer Aktivitaeten gemerkt. Die Leute moegen die Laeden und verhalten sich meist kooperativ. Immer wieder gibt es Lob fuer die Idee und Anerkennung fuer das Wirken der Aktiven. Freilich, deshalb packen noch nicht gleich alle an, aber immerhin bringen sie sehr viele brauchbare Dinge vorbei, sodass es weiter gehen kann.

Diese breite gesellschaftliche Anerkennung hat aber noch einen weiteren, sehr wichtigen Vorzug. Mit einer solchen Vermittlungsfunktion zwischen Alternativ- und Subkultur sowie der buergerlichen Massenkultur koennen auch Graeben ueberwunden werden, an deren Ueberwindung mensch schon gar nicht mehr geglaubt hatte. In unserem Kampf um den Erhalt des Hausprojektes Brunnenstrasse 183 - und damit auch den Erhalt des dort beheimateten Berliner Umsonstladens - konnten wir interessante Erfahrungen machen. Unweit des Hackeschen Marktes, in der "Neuen Mitte" Berlins wird mit harten Bandagen gekaempft. Ohne gesellschaftlichen Rueckhalt kann sich hier kein Projekt halten. Investmentfonds, grosse Immobilienfirmen und windige Geschaeftsleute machen den Menschen hier seit einigen Jahren das Leben schwer. So wechselte auch das Haus Brunnenstr. 183 in den vergangenen Jahren mehrfach den Eigentuemer.

Zuletzt wollten wir dem ein Ende bereiten und das Haus selbst kaufen. Doch der Arzt Dr. Manfred Kronawitter aus Passau kam uns zuvor. Er hat "ganz andere Plaene" mit dem Haus als wir ... und wir sollen weg, damit er tun kann, was er kraft der kapitalistischen Eigentumsordnung tun will: aus Geld mehr Geld machen.

Uns blieb nichts anderes uebrig, als in die Offensive zu gehen und uns Unterstuetzung zu holen. Dabei machten wir interessante Erfahrungen. Waehrend (ehemals besetzte) Hausprojekte und Freiraeume in der Stadt es sonst schwer haben, ueber den kleinen Kreis der subkulturellen Linken Szene hinaus Unterstuetzung zu bekommen, gelang es uns in kurzer Zeit die Unterstuetzung verschiedenster gesellschaftlicher Milieus zu bekommen. Bis hin zum regierenden Buergermeister von Berlin, Klaus Wowereit, reicht die Liste der UnterstuetzerInnen des Ladens. Dieser stattete dem Laden im Wahlkampf sogar einen Besuch ab. Das Bezirksparlament steht nun entschlossen hinter dem Hausprojekt. Auch die Medien verschiedenster Couleur berichteten positiv ueber das Hausprojekt und lobten den Umsonstladen.

Der neue Hauseigentuemer hat es nun schwer, seine Eigentumslogik gegen ein Projekt wie den Umsonstladen wirkungsvoll ins Feld zu fuehren. Auch wenn diese Unterstuetzung oftmals noch eher ideeller Weise ist, so zeigt sie jedoch auf, dass die Menschen bereit sind, sich auch mit Entwuerfen einer anderen Gesellschaftsordnung jenseits von Markt und Geld zumindest partiell zu identifizieren. Der Umsonstladen ist ein Projekt an einer Bruchstelle des Kapitalismus. Dort kann er erstaunlich viel bewirken, so begrenzt sein Konzept auch sein mag. Durch seine Vernetzungsfunktion bildet er eine wichtige kommunikative Bruecke auch zu denen, von deren Wohlwollen wir - angesichts des Weiterbestehen der globalen Herrschaftsverhaeltnisse - zunaechst mal abhaengig bleiben, wenn wir denn weiter Freiraeume erhalten und aufbauen wollen.

aus Contraste, Januar 2007