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Eva Illouz, Gefühle in Zeiten des Kapitalismus

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Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus

S. 60-64


Der bisher erarbeitete, recht breite und fragmentarische
Rahmen läßt eine Reihe von Schlüssen zu. Meine erste Be-
obachtung ist, daß sich die kulturellen Diskurse der Thera-
pie, der ökonomischen Produktivität und des Feminismus
miteinander vermischt haben und so die Gründe, Methoden
und auch den moralischen Impuls lieferten, um Emotionen
dem Bereich des inneren Lebens zu entziehen und in Form
eines äußerst einflußreichen kulturellen Modells, nämlich
der Kommunikȧtion, zum Zentrum des Se,lbst und der So-
zialj_ät z_ machen. Unter dem Einfluß des psychologischen
modells von >> Kommunikation << wandelten sich Emotionen
zu Objekten, über die man nachdenken und die man aus-
drücken konnte, über die siċh reden und streiten ließ, die
verhandelt und gerechtfertigt werden konnten, und zwar
sowohl in der Familie als auch im Unternehmen. Wo man-
che sagen, das Fernsehen habe zur Emotionalisierung der
öffentlichen Sphäre beigetragen, würde ich eher sagen, daß
es der therapeutische Diskurs war, der im Verbund mit der
Sprache ökonomischer Berechnung und des Feminismus
Emotionen zu mikrologischen Öffentlichkeiten gemacht
hat, das heißt zu Handlungssphären, die sich einem öffent-
lichen Blick aussetzerl, durch bestimmte sprachliche Pro-
zeduren geregelt sind und Gleichheit und Fairneß anstre-
ben.

Meiner zweiten Beobachtung nach gibt es im Laufe des
20. Jahrhunderts eine zunehmende emotionale Androgyni-
sierung der Frauen und Männer, die mit der Tatsache zu-
sammenhängt, daß der Kapita1ismus die emotionalen Res-
sourcen der Dienstleistungsarbeit angezapft und mobilisiert
hat. Zeitgleich mit ihrem Eintritt in die Arbeitswelt hat der
Feminismus die Frauen außerdem aufgefordert, innerhalb
der Privatsphäre autonom, selbständig und rechtsbewußt
zu sein. Wo es in der Produktionssphäre also darum ging,
Emotionen ins Zentrum sozialer Beziehungen zu stellen,
fixierten sich intime Beziehungen zunehmend auf politische
und ökonomische Modelle des Handels und des Tauschs.
Eine mögliche Interpretation des von mir bisher disku-
tierten Materials sieht wie folgt aus: Dank der kombinierten
Wirkung der emanzipatorischen Struktur psychologischen
Wissens, des Feminismus und der Demokratisierung des
Arbeitsplatzes gerät das emotionale Leben in den Sog einer
Anerkennungsdynamik, einer Dynamik, die, wie Axel Hon-
neth nahelegt, stets historisch situiert, mithin also durch den
Zustand und die Sprache des Rechts geprägt ist. mit an-
deren Worten, das Modell der Kommunikation, das Arbeit
und Ehe durchdringt, enthält die neue Forderung nach An-
erkennung durch andere und nach Anerkennung anderer. [89]
Wenn Habermas recht hat mit seiner Behauptung, das kom-
munikative Handeln beruhe auf einem >>verständigungs-
orientierten Sprachgebrauch << , sieht man leicht, warum
das Zu,rückhalten negativer Emotionen sowie Empathie
und Selbstbewußtsein als emotionale Voraussetzungen der
Anerkennung betrachtet werden können. [90]
Ich bin allerdings nicht so sicher, daß dies tatsächlich der
Fall ist, und will meine Zweifel artikulieren. Das Modell der
Kommunikation, das die Arbeitswelt und die Sphäre inti-
mer Beziehungen durchdringt, ist mit Ambivalenzen be-
frachtet, da es nicht nur eine Methode bereitstellt, mit an-
deren in einen Dialog einzutreten, sondern auch di,e Sprache
des Rechts und der ökonomischen Produktivität enthält, die
nicht leicht mit dem Bereich interpersoneller emotionaler
Beziehungen vereinbar ist. Ihrer matur nach sind Emotio-
nen situativ und indexikalisch; sie verweisen darauf, Wie
das Selbst innerhalb einer bestimmten Interaktion Fositio-
ni_ert ist, so daß es sich mit ihrer Hilfe auf beschleunigte
Weis_ genau dieser Position vergewissern kann. Emotionen

89 Siehe Honneth, Kampf um Anerkennung, a.a.O., S. 212-225.
90 Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurs-
theorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frank-
furt/M. 1992, S. 34.

orientieren das Handeln, indem sie sich einer impliziten und
konkreten kulturellen Kenntnis besonderer Objekte bedie-
nen und uns so Abkürzungen zur Verfügung stellen, um
diese Objekte zu bewerten und ihnen gegenüber zu handeln
(dieses Thema wird im nächsten Kapitel behandelt). Im
Gegensatz dazu schaffen Wertrationalität, kognitive und
instrumentelle Rationalität sowie >>Kommensuration<< (die
allesamt erforderlich sind, um das Modell der Kommunika-
tion flüssig umzusetzen) einen kognitiven Stil, der Bezie-
hungen ihres besonderen Charakters beraubt und in Objek-
te verwandelt, die, weil sie mit Hilfe von Standards wie
Fairneß, Gleichheit und Bedürfnisbefriedigung beurteilt
werden, eher dazu neigen, das Schicksal ausgetauschter Wa-
ren zu teilen. [91]

Der Prozeß, den ich hier beschreibe, hat eine neue und
scharfe Spaltung zwischen einem intensiven subjektiven Le-
ben einerseits und einer zunehmenden Objektivierung der
Mittel des Ausdrucks und des Austauschs von Emotionen
andererseits geschaffen. Die therapeutische Kommunika-
tion verleiht den Emotionen eine prozedurale Qualität,
durch die sie ihre Indexikalität verlieren, mithin ihre Fähig-
keit, uns schnell und unreflektiert im metz unserer alltägli-
chen Beziehungen zu orientîeren. Das Erfinden von Proze-
duren, die dazu dienen, Emotionen zu bewältigen und sie
durch angemessene und standardisierte Sprechmuster zu er-
setzen, impliziert, daß sie zunehmend von konkreten und
partikularen Handlungssituationen Und Beziehungen abge-
koppelt werden. Voraussetzung der >>Kommunikation<< ist,
paradox genug, die Aufhebung der eigenen emotionalen
Verwobenheit mit einer sozialen Beziehung. Zu kommuni-
zieren heißt, mich aus meiner Position in einer konkreten
und besonderen Beziehung zu lösen, um die Position eines
abstrakten Sprechers anzunehmen, der seine Autonomie
oder seine Sichtweise verteidigt. In letzter Konsequenz heißt

91 Wendy Nelson Espeland, >>Commensuration and Cognition<<,
a.a.O., S. 83.

Kommunikation, die emotionale Kette aufzuheben oder
aufzulösen, die uns an andere bindet. Gleichzeitig aber wer-
den diese neutralen und rationalen Sprechmuster von einer
sehr subjektivistischen Art der Legitimation eigener Emp-
findungen begleitet. Der Träger einer Emotion wird nämlich
als letzte richterliche Instanz der eigenen Emotionen aner-
kannt. >>Ich fühle, daß... << verleiht nicht nur das Recht, so
zu fühlen, sondern schafft auch die Berechtigung, al1ein auf
der Basis dieses besonderen Fühlens akzeptiert und aner-
kannt, zu werden. Über ein >>Das verletzt mich<< muß nicht
groß diskutiert werden, ja, es verlangt sofortige Anerken-
nung der Verletzung. Das Modell der Kommunikation zerrt
Beziehungen also in entgegengesetzte Richtungen; Einer-
seits werden die Beziehungen bestimmten Prozeduren des
Sprechens untergeordnet, die auf eine Neutralisierung der
emotionalen Dynamik von Gefühlen wie Schuld, Wut, Res-
sentiment, Scham oder Frustration hinauslaufen; anderer-
seits intensiviert Kommunikation Subjektivismus und Emo-
tionalisierung, da sie uns dazu bringt, unsere Emotionen
allein aufgrund der Tatsache ihres Ausdrucks mit einer
eigenen Geltung auszustatten. Ich bin mir nicht sicher, ob
das der Anerkennung zuträglich ist, denn Anerkennung, so
Judith Butler, >> beginnt mit der Einsicht, daß man im An-
deren verloren ist; angeeignet in einer und durch eine Alteri-
tät die man ist und nicht ist << [92]

So mag das gegenwärtige Ideal der Kommunikation, das
unsere Modelle von sozialen Beziehungen so sehr durch-
dringt, dem entsprechen, was der Anthropologe Michael
Silverstein als >> Sprachideologie << bezeichnet. Eine Sprach-
ideologie besteht aus einer Menge >> selbstevidenter Ideen
und Ziele, die sich eine Gruppe mit Blick auf die Rolle der
Sprache im Kontext der sozialen Erfahrungen ihrer Mitglie-
der und ihres Beitrags zum Ausdruck der Gruppe zu eigen

92 Judith Butler, >>Can the >Other< of Philosophy Speak?<<, in: Joan W.
Scott und Debra Keates (Hg.), Schools of Thought. Twenty-Five
Years of Interpretive Social Science, Princeton 2001, S. 58.

macht<<. [93] Die Sprachideologie der Moderne beruht wohl
auf dem speziellen Glauben an die Macht der Sprache, un-
sere sozial und emotionale Umwelt zu verstehen und zu
kontrollieren. Wie diese Ideologie unsere Identität verän-
dert hat, werde ich im anschließenden Teil erörtern.

93 Zitiert nach Kathryn Ann Woolard, >>Introdution. Language
Ideology as a Field of Inquiry<<, in: Bambi B. Schieffelin, Kathryn
Ann Woolard und Paul V. Kroskrity (Hg.), Language Ideologies.
Practice and Theory, Oxford 1998, S. 4