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Durchschaubarkeit statt Ökonomieunwissenschaft

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(erschienen in BAD, Büro für anarchistische Diskussion, Nr. 5, Mai 1997)

[Bearbeiten] Durchschaubarkeit statt Ökonomieunwissenschaft !

Genuß
Ökonomisch handeln heißt effektiv handeln: „maxmialer Nutzen bei minimalem Aufwand“. Nutzen ist immer Nutzen für einen Zweck, ist also kein Motiv für mich, ökonomisch zu handeln. Als HändlerIn wäre mein Motiv der (abstrakte Selbstzweck) Profit in Verbindung mit Konkurrenzdenken. Als AnarchistIn ist mein Motiv der Genuß (unmittelbar eigener Genuß oder Teilhabe am Genuß anderer) des Ergebnisses der Arbeit. Wenn ich nicht motiviert bin, z.B. bei Fabrikarbeit (wo ich das Ergebnis nicht genießen kann, und oft noch nicht einmal kenne), bedeutet Arbeit für mich einen Zwang. Die Arbeit, die ich verrichte, verrichte dann nicht ich selbst, sondern sie wird von einer mir fremden (entfremdeten) Funktion meiner Hände für die abstrakte Ökonomiemaschine verrichtet. (Als HändlerIn verdränge ich das, indem ich mir einrede, daß ich die Arbeit für mich tue.)
Durchschaubarkeit + Dezentralität
Wenn ich also Arbeit und Genuß nicht mehr zusammendenken kann, ist mein Handeln fremdbestimmt, ein Dienst für ein abstraktes System, das ich nicht durchschaue, an dem mich nur noch minimaler „Input“ und maximaler „Output“ (oft kein Genuß) interessieren. Den Zusammenhang dieser akstrakten Kategorien will ich dann gar nicht mehr verstehen oder (mit-)bestimmen. Ich will dann nur noch Überleben, und dafür ist die Ökonomie die Technik. – Arbeit und Genuß nicht zu trennen heißt, daß die Dinge mit und von denen ich lebe nicht aus dem Supermarkt, aus Fernost oder aus der Steckdose kommen, sondern von Menschen, die ich persönlich kenne und mit denen zusammen ich diese Dinge herstelle und verarbeite. Die zum Leben unbedingt nötigen Dinge (Nahrung, Kleidung, einfache Medizin) sollten dezentral und im Kollektiv hergestellt werden, d.h. alle sollten abwechselnd alle verschiedenen Arbeiten machen, nicht nur wegen der Gerechtigkeit, sondern auch damit sie wissen, was es heißt, einen Topf voll Kartoffeln zu haben oder ein Stück Seife in der Hand.
Kein Geld
Nicht nur daß am Geld Blut klebt, daß also in jedem Moment seiner Anwendung die Ausübung eines abstrakten (und damit umso unentrinnbareren) Zwangs auf andere stattfindet, sondern auch die damit einhergehende eigene Entfremdung ist es, was das Geld zu einem Herrschaftsinstrument macht. Wenn ein Geldsystem von mehr Personen als im eigenen Bekanntenkreis verwendet wird, ist es ein Entfremdungsmittel, das die von Menschen hergestellten Dinge zu austauschbaren Waren macht. Andererseits ist Geld im Bekanntenkreis unnötig und hat entwürdigenden Charakter.
Kein ökonomisches Denken (nicht nur kein ökonomistisches)
In vielen Bereichen gibt es Genüsse auch ohne Arbeit. Die Übertragung von ökonomischem Denken auf diese Bereiche ist eine Gefahr, denn die Erwartung, daß „Angenehmes nur auf Kosten von Unangenehmem existiert“, führt dort, wo es das Unangenehme nicht gibt, zu dessen diffuser Konstruktion, die das Angenehme verdächtig macht und den Genuß zerstört. Darüberhinaus erstreckt sich ökonomisches Denken früher oder später auch auf Menschen und bewertet sie nach ihrer Nützlichkeit für einen vorgegebenen Zweck.

Wer/Welche es noch nicht kennt: Lest p.m.: bolo’bolo